Buch: Wie erkenne ich den Willen Gottes? ( Schirrmacher )

Etwas, was mir schon länger auf den Fingernägeln brennt, ist das Thema “Wille Gottes und Führung Gottes im alltäglichen Leben erkennen”. Ich empfand da eine sehr große Verwirrung und Not, einfach, weil ich von vielen meiner Mitchristen da mehr oder weniger unterschwellig ein gewisses Verständnis vermittelt bekommen hatte, das mir zu Zeiten mehr oder weniger ziemlich zu schaffen machte. Ich mag versuchen, das in ein paar Sätzen auf den Punkt zu bringen. Ich denke, ein FIKTIVES Beispiel ist dazu gut geeignet:

Stellen wir uns vor, soeben habe ich mein Abitur bestanden und muss mich dann entscheiden, was ich aus meinem Leben machen soll. Ich habe dabei verschiedene Möglichkeiten. Ich könnte studieren. Vielleicht Informatik, vielleicht Biologie, vielleicht etwas im sozialwissenschaftlichen Bereich. Dann könnte ich aber auch eine Ausbildung beginnen. Vielleicht im Kaufmännischen Bereich oder im handwerklichen Bereich. Als dritte Möglichkeit könnte ich mir als junger Christ natürlich noch vorstellen, eine theologische Ausbildung zu durchlaufen, um Gott so besser dienen zu können.

Als junger Christ will man natürlich Gott gehorchen und das tun, was ihm gefällt und was Gottes Weg für einen selbst ist, so wie man das schon oft in Predigten und Zeugnissen gehört hat. Als “weltlicher” Mensch würde man sich einfach für das entscheiden, was einem am besten gefällt, aber als Christ hat man natürlich nicht nur im Hinterkopf die Frage: Was will Gott von mir? Und so überlege ich: Will Gott, dass ich Biologe werde? Will Gott, dass ich in einer Bank arbeite? Will Gott, dass ich Missionar werde und in ein fremdes Land aufbreche? Was will Gott von mir?

Und da ich als junger Christ nicht genau weiß, was Gott will, frage ich ältere Glaubensgeschwister um Rat. Ich frage: “Wie kann ich denn wissen, was Gott will?”. Ich bekomme prompt mehrere Antworten. Einer sagt mir: “Tja, du musst ins Gebet gehen und deine Berufswahl vor Gott im Gebet ausbreiten und dann wird er dir zeigen, was du wählen sollst”. Jemand anderes sagt: “Achte auf den inneren Frieden. Wenn du über etwas Frieden empfindest, so wie es in Philipper 4 steht, dann weißt du, dass es das ist, was Gott von dir will”. Noch jemand meint: “Bitte doch Gott um ein Zeichen, durch das er dir zeigt, in welche Richtung es in Zukunft gehen soll!”. Eine vierte Person meint: “Du musst dich Gott erst völlig hingeben und deine eigenen Wünsche völlig zurückstellen, damit du völlig frei bist, zu erkennen und zu tun, was er von dir will”. Und eine letzte Person rät mir: “Du musst auf die inneren Impulse des Heiligen Geistes achten, der dir so signalisiert, was Gott von dir möchte, schließlich sagt Paulus in Epheser 5: Versuchet zu verstehen, was der Wille Gottes ist … und werdet voll Geistes!”.

Tatsächlich stehe ich nach diesen Ratschlägen noch viel verwirrter da, denn weder ich habe ich das Gefühl, dass Gott mir im Gebet den Weg weist, noch habe ich einen Frieden, an dem ich ermessen kann, was für eine Wahl ich treffen soll, noch habe ich ein eindeutiges Zeichen bekommen, das mich in eine bestimmte Richtung treibt und schon gar nicht war ich in der Lage, mich von all meinen Wünschen und Vorlieben zu befreien. Und wenn ich ehrlich bin: Besondere Impulse des Heiligen Geistes hab ich auch nicht gespürt. Und so stehe ich dumm da. Wie soll das denn funktionieren?

Wie erkenne ich also den Willen Gottes?

Obwohl das freilich nur ein FIKTIVES Beispiel war, es trägt in einem gewissen Sinne autobiographische Züge und mir hat die Frage danach, wie ich denn wissen könnte, was Gott von mir will, sehr zugesetzt. Immer wieder habe ich Zeugnisse gehört, wie Leute davon berichteten, wie Gott sie durch bestimmte Eindrücke, Impulse, Zeichen usw. geführt habe und wie sie erkannten, welchen Plan Gott für sie habe. Sie wussten, dass sie in die Mission berufen worden waren, sie wussten von Gott, wen genau sie heiraten sollten, sie wussten exakt, wo sie eine Gemeinde gründen sollten und all das durch persönliche Führung Gottes in ihrem Leben. Er zeigte ihnen auf die eine oder andere Weise, was sie tun sollten. So war zumindest das Zeugnis. Ich habe diese Zeugnisse nie mit meinem Leben in Einklang bringen können. Und ich empfand es mit der Zeit als nervig und frustrierend, wenn mir jemand beispielsweise jemand ankam: “Wir waren auf der Autobahn und hatten einen Platten bekommen. Wir mussten aber schnell zu dieser bestimmten christlichen Konferenz. Ich denke, der Teufel hatte versucht uns aufzuhalten, dank Gottes Hilfe bekamen wir schnell Hilfe und kamen rechtzeitig an”.

Ich hab etwas derartiges nie gemacht, aber vielleicht hätte ich fragen sollen: “Wie jetzt? Habt ihr den Teufel gesehen, wie er euch den Reifen zerstochen hat?”. Jedenfalls finde ich es immer wieder kurios, wenn irgendwelche Ereignisse willkürlich als Zeichen Gottes oder als Angriff des Teufels gedeutet werden.

Ich weiß, dass ich hier jetzt eine sehr lange Einleitung für die Rezension geschrieben habe, aber ich wollte einfach die Problematik darstellen, die diesem Buch, das ich vorstellen möchte, zugrunde liegt.

Das Buch heißt: “Wie erkenne ich den Willen Gottes? Führungsmystik auf dem Prüfstand” und geschrieben wurde es von Thomas Schirrmacher. Zugegeben, ich habe es erst zur Hälfte durchgelesen, aber ich finde es jetzt schon als großen Segen, weil Schirrmacher sehr gründlich vorgeht und meines Erachtens stets nachvollziehbar agiert und auslegt.

Die Grundthese seines Buches ist, vereinfacht ausgedrückt: “Man ist im Willen Gottes, wenn man sich an das hält, was uns in der Schrift als klare Weisung überliefert ist”. Schirrmacher unterscheidet dabei zwischen dem moralischen Willen Gottes, der sich in Gottes Geboten ausdrückt und seinem souveränen Willen, der alles beinhaltet, was letztlich in unseren Leben und im Leben aller Menschen geschieht. Den moralischen Willen Gottes, seine Gebote kennen wir, weil sie uns in der Schrift offenbart sind, aber seinen souveränen Willen kennen wir nicht. Wir wissen nicht, welchen Willen Gott für uns als Individuuen hat und wir werden auch nirgendwo in der Schrift dazu angehalten, nachzuforschen, was Gott konkret in der Zukunft mit uns vor hat. Schirrmacher plädiert dafür, sein Leben als Christ ganz klar am moralischen Willen Gottes auszurichten ( nicht zu lügen, nicht zu stehlen, nicht die Ehe zu brechen und all solches ) und Gottes souveränen Willen zu akzeptieren. Aber das zweitere freilich nicht in einer fatalistischen Art und Weise, sondern als agierende, denkende Christen, die  mit Weisheit Entscheidungen fällen, wie z.B. die Wahl des Berufes oder des Ehepartners, solange sich diese Entscheidungen im moralischen Willen Gottes befinden. Gottes souveränen Willen können wir höchstens im Nachhinein erkennen, Gottes moralischen Willen können wir im voraus kennen. Gott erwartet nicht, dass wir versuchen, seinen souveränen Willen für uns selbst zu erkennen, das ist absolut nicht unsere Aufgabe, das ist seine. Wir haben uns um seine klar geoffenbarten Gebote zu sorgen.

Schirrmacher geht dabei auf sehr viele verschiedene Nuancen ein und widerlegt sehr viele Einwände gegen seine Position. Das Buch ist eigentlich ein Ausschnitt ( bzw. besteht aus mehreren Ausschnitten ) aus einer 7-bändigen christlichen Ethik, die Schirrmacher verfasst hat, ist aber in sich geschlossen gut lesbar. Ich finde das Buch sehr gelungen. Natürlich hat es einen gewissen Anspruch vom Schreibstil her, aber ich finde es gut lesbar und verständlich und sehr nachvollziehbar von meiner Erfahrung mit dem Thema bisher. Daher gibt es von mir aus eine klare Empfehlung, weil es – wie gesagt sehr ausführlich und sauber an dieses komplexe Thema herangeht und dabei auch nicht polemisch wird, sondern sehr sachlich bleibt und tatsächlich andere Positionen auch immer wieder zitiert und sauber darstellt.

Ich persönlich lese es gerade mit Gewinn.

Eine weitere Rezension zum Buch findet man hier:

http://truth.gyger.at/2011/01/zwei-bucher-uber-den-willen-gottes.html

Es sei noch gesagt, dass ich hier keine allgemeine Empfehlung für alles, was Thomas Schirrmacher je geschrieben hat, gebe. Bisher habe ich wenig anderes von ihm gelesen, daher gilt die Empfehlung speziell für dieses Buch.

Mehr zum Thema ( zitiert auch Schirrmachers Buch ):

http://lannopez.wordpress.com/2010/08/18/wie-redet-und-handelt-gott-in-meinem-leben/

deutlich einfacher gehalten, aber ähnliche Schlussfolgerungen in John MacArthurs Buch “Gefunden, Gottes Wille”

http://lannopez.wordpress.com/2010/08/20/gefunden-gottes-wille/

Über unwise Sheep

"Die Zeit benötigt eines, damit sie Sinn hat: Ewigkeit!" (unbekannt )
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7 Antworten zu Buch: Wie erkenne ich den Willen Gottes? ( Schirrmacher )

  1. math1as schreibt:

    Das Buch kann ich nur jedem empfehlen und da es nur 150 Seiten sind kann es auch von wenig Lesern gut verdaut werden.

    Es ist witzig, dass du das mit den Missionaren ansprichst, denn alle Missionare mit denen ich geredet habe kannten diese “besonderen Impulse” auch nicht (was nicht heißen soll das es die nicht gibt). Und auch in dem Vortrag von Rolf Scheffbuch über Pioniermissionare und Weltmission sagt er, dass es eigentlich immer der einfache Gehorsam gegenüber dem geschriebenen Wort Gottes war der diese Männer hinaustrieb. (Denke es war dieser Vortrag http://bit.ly/f589xg oder dieser http://bit.ly/eDGRXQ)

    • unwise Sheep schreibt:

      Mission – immer wieder spannend. Und deswegen möchte ich noch ein paar Sätze dazu sagen ;)

      Grundsätzlich habe ich ja absolut nichts gegen Missionare, aber das ist in dem Zusammenhang schon eine spezielle Thematik. Ich hab auch schon Bücher gelesen, die einen als jungen Gläubigen fast unter Druck setzen, in die Mission zu gehen. Natürlich ist man damit der bekannten Stelle in Matthäus 28 gehorsam, aber man muss natürlich auch sehen, dass Matthäus 28 primär an die Apostel gerichtet ist. Ja, in einem gewissen Sinne gilt uns das heute genauso, absolut, aber ob ich in die Weltmission gehe oder nicht, würde ich z.B. nicht an diesen Vers ketten, im Sinne von: Geh in die Weltmission, oder du bist Matthäus 28 untreu!

      ( Ich hab dazu mal eine Passage aus einem an sich guten Video herausgenommen, weil diese genau das impliziert hat, und man macht dann Menschen fälschlicherweise ein schlechtes Gewissen und setzt sie unnötig unter Druck, bestimmte Dinge für Gott zu leisten, die er sie eigentlich gar nicht angewiesen hat )

      Ich würde jemandem einfach sagen: Wenn du die Möglichkeit hast, in die Weltmission zu gehen und du nach reichlichem Überlegen und Erbitten von Weisheit von Gott, ebenso Rat und Weisheit von Brüdern und Schwestern gesucht hast, das tun willst, dann tu es.

      LG

      Simon

  2. math1as schreibt:

    Ich denke auch das Mt 28 oft aus dem Kontext gerissen wird. Von Jerusalem aus gesehen sind wir ja schon in einem anderen Volk das es zu Jüngern zu machen gilt. Obwohl die Gemeinde als ganzes natürlich den Auftrag hat die unerreichten zu erreichen (?!) nur wie es im einzelnen aussieht das man in diesem großen Werk Gottes mitwirkt ist individuell.

    Spurgeon hat einmal gesagt: “Wir brauchen keinen Grund in die Mission zu gehen sondern einen Grund nicht in die Mission zu gehen.”

    • unwise Sheep schreibt:

      Wenn Spurgeon Mission so verstand wie du es gerade ausgeführt hast, ist dem, denke ich, zuzustimmen. ;)

      • unwise Sheep schreibt:

        Übrigens, und das hatte ich schon öfter mal angedeutet, das Buch ist für mich vor allem auch interessant, was jetzt Partnerwahl angeht, einfach, weil ich, wie ich finde, da arg spinnige Vorstellungen hatte, die mich auch wirklich unnötig in emotionales Chaos gestürzt hatten. Mission hat mich jetzt nur am Rande beschäftigt. ;)

    • Samuel schreibt:

      Ein weiser Bruder sagte mal:
      “Wer Gott bittet Missionare zu senden, sollte auch selber bereit sein zu gehen.”
      Ich denke es ist falsch, wirklich Leute zu zwingen oder unter Druck zu setzen in die Mission zu gehen. In die Mission zu gehen, macht nur Sinn wenn Gott das wirklich auch so möchte. Aber auf der andern Seite denke ich, dass es auch mal ganz gut ist, wenn man in seiner Heimatgemeinde mal ein paar Leute mit dem Thema konfrontiert und auf die Füße tritt. Ich hab irgendwie den Eindruck, dass man teilweise das Thema Weltmission aus bequemlichkeits Gründen unter den Teppich kehrt – und nicht weil man sich „nicht“ dazu berufen fühlt.
      Ich bin mal eine Zeitlang in Südamerika gewesen. Dort hab ich viele junge motivierte Menschen gesehen, die gerne Vollzeit in die Mission gehen würden aber nicht das Kapital dafür haben – auf der andern Seite sehe ich in Deutschland viele jünger oder auch ältere Geschwister, die Kapital im Überfluss haben aber nicht ihren Hintern hochbekommen.
      Selbst wenn man als Ortsgemeinde selber keine Missionare sendet sollte, sollte man auch nie vergessen, dass es unzählige Missionare gibt, die sich über Gebet und Unterstützung freuen.

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