Buch: Die große Anpassung (Francis Schaeffer)

Francis Schaeffer – Die große Anpassung – Der Zeitgeist und die Evangelikalen

Obschon Francis Schaeffer schon seit mehr als 25 Jahren tot ist, lohnt sich ein Blick in seine Bücher immer noch, weil er Dinge und Entwicklungen beschreibt, die damals schon sichtbar waren, die heute aber umso stärker in Erscheinung treten. Im Buch „Die große Anpassung“ beschreibt Schaeffer gewisse geschichtliche Prozesse und Entwicklungen, die maßgeblich dazu beitrugen, dass die evangelikale Bewegung in Amerika heutzutage das ist, was sie ist, nämlich eine sehr angepasste, von säkularen Strömungen durchdrungene, christliche Bewegung. Die Darstellung, die Schaeffer von der amerikanischen Christenheit gibt, lässt sich recht gut auf die deutsche Situation übertragen, denn sie ist eine Ähnliche.

Das große Problem, die Anpassung und Orientierung an säkularen Wertsystemen führt Schaeffer dabei grundlegend auf ein gebrochenes Verhältnis zur Schrift zurück. Er greift dabei auf ein Bild von einer Wasserscheide zurück. Er beschreibt das folgendermaßen:

Nicht weit von unserem Wohnort in der Schweiz erhebt sich eine Gebirgskette mit einem Tal auf beiden Seiten. Einmal war ich dort, als die gesamte Gebirgskette mit Schnee bedeckt war. Die Schnee-decke war völlig geschlossen, sie schien eine Einheit zu sein. Diese Einheit war jedoch eine Illusion, denn sie verlief entlang einer eindeutigen Trennwand; sie befand sich auf beiden Seiten einer »Wasserscheide«. Bei der Schneeschmelze würde der eine Teil des Schneewassers in das eine Tal fließen, der direkt daneben befindli-che andere Teil des Schnees würde bei seiner Schmelze in das andere Tal fließen.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Wasserscheide

Nun verhält es sich bei dieser besagten Gebirgskette so, dass der Schnee, der bei der Schmelze auf der einen Seite des Gebirges hinunterfließt, in ein Tal gelangt und sich in ein kleines Flüsschen ergießt, das wiederum in den Rhein mündet. Der Rhein fließt durch Deutschland und mündet in die kalten Gewässer der Nord-see. Das andere Schneewasser, das direkt an der Wasserscheide des Gebirgskamms auf der anderen Seite hinunterläuft, ergießt sich in einem Sturzbach über die nackten Felsen in das Rhonetal. Dieses Wasser fließt in den Genfer See – und gelangt an dessen Ende in die Rhone, die durch Frankreich fließt und in das warme Wasser des Mittelmeers mündet. Der Schnee liegt wie eine geschlossene Decke über dieser Wasserscheide, anscheinend eine Einheit. Aber wenn er schmilzt, liegen die Ziele des Schmelzwassers buchstäblich Tausende von Kilometern voneinander entfernt. Das ist eine Wasserscheide. Das ist es, was eine Wasserscheide ausmacht. Eine Wasserscheide trennt. Man kann eine klare Trennungslinie zwischen dem ziehen, was zunächst ein und dasselbe oder doch zumindest sehr ähnlich zu sein schien, was aber in Wirklichkeit auf völlig verschiedene Situationen hinausläuft. In einer Wasserscheide liegt eine Grenzlinie.

Dieses Bild verwendet Schaeffer um zu illustrieren, dass man sehr ähnlich klingende und scheinende Positionen einnehmen kann, gerade, was die Autorität und Bedeutung der Heiligen Schrift angeht, die dann aber doch letztlich sehr unterschiedliche Konsequenzen nach sich ziehen. Manchmal machen feine Unterschiede sehr viel aus. Im Buch wird das Problem, das Schaeffer sieht, sehr ausführlich analysiert und auch an verschiedenen Beispielen dargestellt. Aber Schaeffer bleibt nicht bei einer reinen Analyse von Fehlern und Fehlentscheidungen in der Vergangenheit und einem vielleicht oberflächlichen Lösungsvorschlag, sondern er versucht dem Leser ein ganzheitliches Bild von einem gesunden, gelebten, christlichen Glauben vorzulegen. Er verwendet dabei viel Zeit darauf, eine gewisse Balance zu entwickeln, gerade, weil es immer wieder zu Ungleichgewicht kommt. Er kommt hierbei auf zwei zentrale Extreme zu sprechen, in die man verfallen kann. Auf der einen Seite kann man Gottes Liebe betonen, seine Heiligkeit aber völlig vernachlässigen – so etwas wirft er den eher liberaleren Christen vor. Auf der anderen Seite kann man aber Gottes Heiligkeit betonen und dabei die Liebe vernachlässigen. Dies wirft er eher aggressiv „fundamentalistischen“ Strömungen vor. Beides ist falsch. Schaeffer führt dabei aus, dass ein tatsächlich geheiligtes Leben beide Elemente hat, die scheinbar so schwer zu vereinen sind : Heiligkeit bzw. Reinheit und Liebe.

Mir gefällt am Buch besonders, dass Schaeffer darum bemüht ist, nicht nur Fehler aufzuzeigen und alles schlecht zu machen, ohne einen tatsächlich konstruktiven Ansatz, sondern durchaus sehr viel Zeit aufwendet für eine konstruktive Darstellung eines Lebens als Christen, das tatsächlich erstrebenswert ist, das sich nicht einfach säkularen Maßstäben und Strömungen anpasst, aber auch über Weisheit und Liebe verfügt, dies angemessen auszudrücken und auszuleben, wenn es zu (notwendigen!) Konfrontationen und Konflikten kommt. Ich finde dieses Buch sehr gelungen und war sehr fasziniert von der Sorgfalt, mit der Schaeffer hier vorgeht und sehr grundsätzliche Dinge ausführlich und angemessen behandelt. Ich finde das Buch sehr hilfreich. Ich finde die intensive Auseinandersetzung mit der Liebe und der Heiligkeit Gottes und was sie für uns bedeuten, sehr, sehr hilfreich, auch, wenn er davon spricht, dass es Dinge im Glaubensleben gibt, die eher peripher sind und nicht zu zentralen Aspekten des Glaubens gemacht werden sollten und so unnötig z.B. zu Trennungen zwischen Christen und Lieblosigkeit unter Christen führen. Andererseits lässt er die nicht davon kommen, die berechtigte Kritik als Lieblosigkeit abtun. Wie gesagt, insgesamt ein sehr sorgfältig geschriebenes und wichtiges Buch.
Das Buch ist im clv-Verlag erschienen.

Verlagstext:

Verheerende Ereignisse sind in unsere Kultur eingebrochen – die moralischen Grundfesten wurden erschüttert und kein Bereich blieb davon verschont. Der Raubbau an unseren Wert- und Moralvorstellungen hat einen moralischen Zusammenbruch bewirkt und – schlimmer als das – die Moral wurde auf den Kopf gestellt, indem jede Form moralischer Perversionen von den Medien anerkannt wurde. Auch die Gemeinden blieben davon nicht verschont. Weltliche Einflüsse und Lauheit beherrschen weithin das Bild. Mit provozierender Schärfe zeigt der Autor die Konsequenzen einer Christenheit, die in Bezug auf die biblische Wahrheit Kompromisse eingeht.

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